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Der direkten visuellen Verständigung zwischen Schiffen dient noch
heute das Internationale Flaggenalphabet, in dem für jeden
Buchstaben eine kleine quadratische Bildfahne gehisst oder
geschwenkt wird. Diese Tücher müssen weithin sichtbar sein,
woraus folgt, dass sie lapidare Formteilungen und Farbkontraste
enthalten: einen schwarzen Kreis auf weißem Feld, ein weißes
Quadrat auf blauem Feld, ein Kreuz, ein Diagonalkreuz, senkrechte,
waagerechte und diagonale Streifen. Die Bedeutung ist eng gefasst,
das berühmte schwarze Quadrat auf weißem Grund des russischen
Revolutionärs Kasimir Malewitsch würde in diesem Zusammenhang
nicht mehr gelten als ein Buchstabe, der, sagen wir, für Havarie
stünde.
Solche in Quadraten konstruierten Bilder sind Bausteine zu
komplexen Zeichensystemen. Sie scheinen mit jenen Bildern der
europäischen Kunstgeschichte nichts zu tun zu haben, die nicht
quadratisch, sondern rechteckig sind, die ihre Herkunft aus
Fenstern nicht verleugnen. Haben sich nicht erst im 20.
Jahrhundert die europäischen Künstler von der Vorstellung
befreien können, dass Bilder Blicke aus den Öffnungen ihrer
Häuser in andere Welten darzustellen hätten?
Die europäischen Künstler haben aufgehört, eine geniale
Erfindung zu nutzen, deren Autor das Ziel hatte, auf einem Stück
Leinwand, das über sechs Holzlatten gespannt ist, mit Hilfe der
Zentralperspektive die menschlichen Augen zu überlisten: sie
würden auf dem flachen Tuch einen tiefen Raum erblicken. Seit dem
20. Jahrhundert sind die bemalten Tücher Bildgegenstände, die
bedeutungsvoll gestaltet sind. Aber anders als die Bilder des
Flaggenalphabets schließen sie sich nicht zu einer kognitiven
Bildsprache zusammen, sondern stellen jedem Künstler im Gegenteil
die Aufgabe, unverwechselbare Zeichen zu erfinden, die
ausschließlich ihm gehören.
Das erscheint nachgerade unmöglich in einer dicht besiedelten
Welt, in der globale Zeichensysteme die Kommunikation der Menschen
untereinander regeln. Nur in einer unmenschlich anmutenden
Anstrengung könnte es gelingen, ein autistisches System von
Zeichen zu entwickeln, das niemand außer seinem Erfinder lesen
könnte. Welche unendliche Scham würde diesen Menschen bewegen,
sich vor allen anderen zu verbergen!
Renate Müller-Drehsen gehört nicht zu jenen Künstlern, die
sich in ihren Bildern verbergen. Aber weder ihr persönlicher
Hintergrund noch ihre Ausbildung an der Düsseldorfer Akademie bei
dem wirkungsreichen Maler Gerhard Richter bestimmen sie
andererseits dazu, ihre Bilder als ausdrucksstarke Psychogramme zu
entwerfen. Malerei ist bei ihr zuerst eine handschriftliche
Praxis, die andauert, die nicht auf ein Ziel gerichtet ist,
sondern auf eine Entwicklung, nicht auf ein Resultat, sondern auf
eine Reihe, eine Serie, eine Sequenz, einen Zyklus. Renate
Müller-Drehsen hat begonnen, eine große Zahl von kleinen Bildern
zu malen und in großen Tableaux zu ordnen.
Diese kleinen Bilder sind quadratisch wie die des
Flaggenalphabets, und in der Tat tauchen auch hier Grundformen -
der Kreis oder das Kreuz im Quadrat, senkrechte, waagerechte und
diagonale Streifen - und leuchtende Primärfarben auf, aber
zugleich erscheinen neben ihnen Fische, als blickten wir in ein
Aquarium, oder Bäume, als näherten wir uns einer Landschaft,
zwei menschliche Silhouetten packen sich an den Armen, ein
historisches Porträt des Dichters Goethe wird ztiert, ein
kalligrafierter Buchstabe, eine stilisierte Blüte - der
Betrachter kann sich auf eine Autorin einstimmen, die in
regelmäßigen Abständen ihre Alltagswirklichkeit, ihre
Außenwelt einatmet, um sie, nachdem sie die Luft eine Zeitlang
angehalten und die Bauchdecke gespannt hat, sanft in den
gleitenden Pinsel hineinzudrücken.
Die Abstände könnten Tage sein: jeden Tag ein Bild (wie der
koreanische Künstler Ik-Joong Kang 1996 8.490 10x10 cm große
Tagesbilder ausgestellt hat). So kommt ein Protokoll zustande, das
zeigt, wie sehr oder wie wenig die weltpolitischen Ereignisse
eines Jahres in die Erlebnistiefe eines Menschen eindringen.
Ein kleines Tagesbild dieser Art erfordert eine höhere
Konzentration als eine Tagebuchaufzeichnung, einen anderen Zustand
der Abgeschiedenheit, der Sammlung, der nicht frei ist von
Entäußerung, von einer Selbstbefreiung, die die lamaistischen
Mönche erreichten, indem sie gleichförmig ihre Mantras sangen,
deren berühmtestes eben jenes OM MANI PADME HUM ist: O Juwel in
der Lotusblüte!
Der Ehrgeiz, in der großen Reihe von Zugriffen auf das Arsenal
der zeichnerischen, malerischen Formen, der Bildzitate und der
Symbole, in der Repetition der Quadrate wie in einem
kontinuierlichen Rhythmus ein crescendo zu erreichen, eine
Steigerung der Intensität der Wahrnehmung bis zur Andacht, wie
sie ein Mandala erzeugt, ist in diesen Tableaux enthalten.
2002-03-24
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