 Hirschgötter
Wer
im September 2007 der Messe in der Aachener Fronleichnamskirche
beiwohnte, hatte eintretend den Altarraum durch eine Sammlung von
Hirschgeweihen, Kruzifixen und Glasperlen wahrgenommen, die vor einer
Glaswand aufgehängt waren. Den strengen geometrischen
Bauformen, der weißen Helligkeit des Sakralbaus hatte Renate
Müller-Drehsen im Rahmen einer Ausstellung ein ornamentales
Ensemble hinzugefügt, das die Tiere des Waldes, die Natur, die
gelebte Form und ihre Farben einbrachte.Sehr
häufig habe ich „gefegte“ Geweihe in
Museen und Schlössern bewundert, selten ihre
„Petschaften“ berührt. Nie ist mir ein
Hirsch im Wald begegnet – wie dem Römer Placidus,
der als der Heilige Eustachius bekannt wurde, oder dem Heiligen
Hubertus, Bischof von Lüttich. Mit ihren Namen ist die Vision
des Kruzifixes im Geweih verknüpft. Wenn
also Geweihe in einer Kirche erscheinen, erinnern sie nicht an
mythologische Hirschgötter wie Tammuz, Adonis, Osiris oder den
Hirten Aktäon, den Diana, weil er sie im Bad
überraschte, in einen Hirsch verwandelte und von ihren Hunden
zerreißen ließ, sondern an den gekreuzigten Christus,
der zwei Jägern in den Wäldern erschienen ist, die
Heilige wurden und zu den vierzehn Nothelfern gezählt werden
– und Hubertus ist überdies einer der vier
Marschälle Gottes.Dem
weißen, von euklidischer Geometrie bestimmten Kirchenbau, der
rationalen Konstruktion des kulturierten Menschen widersprechen die
„barbarischen“ Wucherungen der Geweihe, die
ornamentalen Verästelungen, die wie Zweige eines Baumes aus
dem Kopf eines majestätischen Tieres hinauswachsen, genauso
wie die unwiederholbare Schöpfung, die einem Menschen gelingt,
so unendlich bescheiden jenem Rhythmus gegenüber steht, mit
dem der Hirsch sein Geweih jährlich durch ein anderes ersetzt,
mit dem die Natur sich beständig erneuert. Die
Installation der Renate Müller-Drehsen erhält den
Objekten, aus denen sie besteht, ihre Schönheit und
Würde über ihre Bildung an die christliche
Ikonografie hinaus. Sie
erinnert den Betrachter an Geschichten, die in der christlichen Kultur
Europas allgegenwärtig sind; zugleich
erhält sich ihre schwebende Installation einen
ausdrucksstarken Mehrwert: sie weist auf die Tiere als
Geschöpfe Gottes hin, sie fügt der
zeitgenössischen Religiosität ein Element von
Naturnähe hinzu, eine Sinnlichkeit und Wärme,
für die bislang in der Theologie dieses Gebäudes kein
Platz war. Wolfgang
BeckerOktober
2007
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